Im Cortijo - Die Bäume
- ramonarichter

- 5. Aug.
- 4 Min. Lesezeit

Ein Cortijo ist nichts Geheimnisvolles. Cortijo bedeutet schlicht: "kleines Haus". Kein Palast, kein Anwesen, kein Ort mit goldenen Wasserhähnen und Empfangshalle. Einfach ein kleines Haus. Das von uns gemietete ist in die Jahre gekommen. Ich spreche gern liebevoll von "unserer Ruine". Das Land drumherum nennt man Finca. Und da leben ganz eigene Gesellen.
Beginnen wir mit den Bäumen.
Das Besondere: Sie interessieren sich herzlich wenig für menschliche Vorstellungen von Ordnung. Sie wachsen einfach. Nach oben, nach links, nach rechts.
Woran das liegt? Unsere werden halt nicht beschnitten, nicht in Form gebracht und nicht daran erinnert, wo ihr Platz ist. Zum einen, weil wir damit keine Erfahrung haben, zum anderen weil es dem lieben Menschen an meiner Seite grundsätzlich schwerfällt, einer Pflanze auch nur ein Blättchen zu kappen, geschweige denn einem Baum ganze Äste.
Sie schenken uns Orangen, Mandarinen, Zitronen, Mangos, Granatäpfel und Avocados. Wobei "schenken" vielleicht etwas übertrieben ist. Manchmal muss man auch ein wenig verhandeln.
Der Zitronenbaum - unser Azubi
Er ist der jüngste von allen. Man könnte sagen, er befindet sich noch in der Ausbildung. Seine Aufgabe hat er offenbar noch nicht ganz verstanden.
Im letzten Jahr gab es zwei Zitronen. Zwei.
Ich fand das musste gewürdigt werden. So hatte ich die beiden mit in ein Paket nach Deutschland zur Familie geschickt.
Ich hatte ihm aber auch eine Schale voller Zitronen gezeigt und ihm erklärt, was von ihm erwartet wird. Vielleicht, so dachte ich, braucht ein junger Baum ja etwas Motivation. Und siehe da, in diesem Jahr zähle ich mindestens zehn, die heranreifen. Das lässt hoffen.

Der Mandarinenbaum - auch alte Bäume geben junge Früchte
Da sind drei Mandarinenbäume. Einen möchte ich hervorheben. Er zählt mehr als 60 Jahre. Und genau der überraschte mich. Als ich das erste Mal eine Mandarine öffnete, geschah es: Der Geruch versetzte mich von einer Sekunde auf die andere in meine Kindheit. Genauso haben Mandarinen früher gerochen!
Unser Opa unter den Bäumen hat allerdings ein kleine Eigenart:
Er folgt einem strengen Plan.
Ein Jahr überschüttet er uns, als müsse er einen Vorrat für die nächsten zehn Jahre anlegen. Im nächsten Jahr kümmern zwei, drei Mandarinchen einsam vor sich hin und fragen sich vermutlich, wo die andern bleiben.

Die Mangos - unübertroffene Dramaqueens
Mangos gehören für mich zu den besten Dingen, die an Bäumen wachsen können. Leider neigen diese hier zu Dramatik. Da hängen hoffnungsvoll und munter vor sich hinwachsende Früchte am Baum, wir freuen uns schon auf den zu erwartenden Genuss - in der Zwischenzeit eher verhalten - denn plötzlich:
Klack.
Eine fällt.
Klack.
noch eine.
Klack.
Die nächste.
usw.
Aus der Traum!
Aber wenn sie durchhalten, dann, ja dann ist die Belohnung außerordentlich!

Orangenbäume
Da hat es zwei, die unterschiedlicher nicht sein können.
Der eine kämpft sich irgendwie durchs Leben, vielleicht mehr ums Überleben und verweigert jedes Wachstum.
Der andere hat entschieden: Wenn mich keiner schneidet, dann werde ich eben ein Busch. Er gewährt uns großzügig in jedem Jahr ein paar Früchte, nicht viele, aber die leckersten, die ich kenne!
Vielleicht ist das seine Art zu sagen: "Ich mach' das hier freiwillig."

Avocados - lecker und umstritten
Dann wären da noch die Avocados, zwei Sorten.
Über sie kann man diskutieren – besonders im Süden Spaniens. Sie brauchen viel Wasser, und Wasser ist hier ein kostbares Gut.
Wir haben sie nicht gepflanzt. Sie waren schon da, wie das allermeiste hier schon da war. So gehören sie nicht einmal wirklich uns.
Lecker und gesund sind sie allemal - und faszinierend., weil: Während sie noch Früchte aus der Blüte vom Vorjahr tragen, wachsen schon die neuen heran.
Ein Wunderbaum, der gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft trägt.

Der Madroño - Erdbeeren vom Baum
Ein stattlicher Baum ist er. Freigiebig breitet er seinen Schatten aus. Er trägt Früchte, die eben an Erdbeeren erinnern. Besonders in Portugal wird ein Obstbrand produziert.

Die Blüten erinnern an Maiglöckchen. Und kaum sind sie da, stürzen sich jede Menge Hummeln drauf. Da summt es und brummt es ohne Pause. Wir wissen nicht, wo sie herkommen. Ist die Blüte vorbei, verschwinden sie wieder und nein, wir wissen nicht wohin.

Und noch etwas: Er steht im Mittelpunkt des Wappens von Madrid.
Die heutige Variante zeigt den Bären aufrecht wie angelehnt an den Baum stehend und nach oben in die Krone schauend.
An der Puerta del Sol ist die berühmte Statue „El Oso y el Madroño“. Sie ist ein beliebter Treffpunkt und ein Wahrzeichen der Stadt.


Zurück zum Cortijo - Von der Schönheit des Imperfekten
Das Cortijo ist beileibe kein perfekter Ort.
Das Haus hat Charakter und die Bäume dürfen machen, was sie wollen. Manche sind großzügig, manche haben mit sich zu tun, manche scheinen etwas verwirrt.
Und weil wir sie lassen, wie sie sind, beschenken sie uns mit ihrer eigenwilligen Schönheit. Vielleicht ist genau das der Zauber hier.
Im nächsten Beitrag werde ich erzählen, was da alles so kräucht und fläucht.
Sollte dir dieser hier gefallen haben, dann freue ich mich über einen Klick auf's kleine rote Herz. Lieben Dank dafür, r.r.




Wie immer....toll und amüsant geschrieben.
Dankeschön für diesen Artikel.